Praxis-Tipps

Kreuzverehrung oder Kruzifixverehrung?

Überlegungen zu einer stimmigen Karfreitagsliturgie

Die Liturgie des Karfreitags sieht nach dem Wortgottesdienst und den Großen Fürbitten die Verehrung des Kreuzes vor. In vielen Gemeinden steht dabei aber ein Kruzifix (d.h. ein Kreuz mit der Darstellung des leidenden Christus) im Mittelpunkt. Die erste Frage drängt sich auf: Sollen wir uns am Karfreitag in das Leid des am Kreuz für uns gestorbenen Christus vertiefen oder das Kreuz als Zeichen des Sieges über den Tod verehren? Wer das Triduum als eine einzige, auf drei Tage verteilte Osterfeier begreift, der kann eigentlich nicht anders als auch den Karfreitag in österlicher Perpektive zu feiern. Schon der Introitus am Gründonnerstag hat uns darauf eingestimmt: „Wir rühmen uns des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus. In ihm ist uns Heil geworden und Auferstehung und Leben.“ Und die erste Antiphon zur Kreuzverehrung führt diesen Gedanken weiter: „Dein Kreuz, o Herr, verehren wir, und deine heilige Auferstehung preisen und rühmen wir: Denn siehe, durch das Holz des Kreuzes kam Freude in alle Welt.“ Es geht also um das Kreuz als Siegeszeichen. Der Ruf zur Erhebung des Kreuzes „Ecce lignum...“ sagt uns: „Seht das Holz des Kreuzes!“ und nicht „Seht den Gekreuzigten!“

Ein Blick in die Geschichte mag hilfreich sein. Im ersten Jahrtausend haben die Christen das Kreuz als Zeichen des Sieges verehrt und es mit Gold und Edelsteinen kostbar geschmückt. In der Zeit der Romanik begann man dann, Jesus am Kreuz darzustellen, aber noch nicht als den Leidenden: Er steht am Kreuz und trägt eine Königskrone statt der Dornenkrone und einen Königsgürtel statt des Lendenschurzes. Erst in der Gotik wird Jesus der Leidende, sein Leid wird in Barock und Rokoko naturgetreu verfeinert. Als die Liturgie des Karfreitags entstand, kannte man noch kein Kruzifix, da wurde das kostbare Gemmenkreuz verwendet. Und natürlich lag es nahe, in der Zeit davor, in der Passionszeit, Gold und Edelsteine zu verhüllen, sie passen nicht zum Betrachten von Leid und Tod. Aber am Karfreitag, der schon zu Ostern gehört, da wurde die Verhüllung weggenommen und Gold und Edelsteine strahlten wieder in österlicher Pracht: „Sei uns gegrüßt, du heiliges Kreuz, du Zeichen des Sieges!“ Welchen Sinn hat es, in der Passions­zeit ein Kruzifix, den leidenden Christus, zu verhüllen? Wie sinnvoll ist es, eine Kreuzwegandacht zu feiern und dabei den Gekreuzigten nicht sehen zu dürfen? Erfreulicherweise ist in vielen neuen Direktorien die Anweisung zu finden, dass nur Prunkkreuze in der Passionszeit zu verhüllen seien.

Zurück zur heutigen Karfreitagsfeier: Das Messbuch sieht zwei Formen der Erhebung des Kreuzes vor. Die erste Form: „Ein verhülltes Kreuz wird enthüllt und gezeigt.“ Die zweite Form: „Ein unverhülltes Kreuz wird gezeigt.“ Nirgends ist von einem Kruzifix die Rede. So ist es wohl stimmiger, ein Gemmenkreuz zu verwenden. Und als Gesänge zur Kreuzverehrung passen dann nicht mehr „O Haupt voll Blut und Wunden“ oder „Lass mich deine Leiden singen“, sondern „O du hochheilig Kreuze“ (GL 294) und der Ruf „Sei uns gegrüßt, du heiliges Kreuz!“ (GL 308,4) mit preisenden Einschüben. Selbst die später entstandenen Improperien, die Heilandsklagen, werden durch die Einfügung des „Dreimal Heilig“ zum Lobpreis. Ein kleines Problem stellt noch die Übersetzung des „Venite adoremus“ dar. Das lateinische „adorare“ heißt sowohl „anbeten“ als auch „verehren“. Bei der Antiphon zur Kreuzverehrung „Crucem tuam adoramus, Domine“ ist es folgerichtig übersetzt: „Dein Kreuz, o Herr, verehren wir.“ Beim „Ecce lignum“, dem Ruf zur Erhebung, der ja auch zur Kreuzverehrung auffordert, hat man aber das „Venite adoremus“ übersetzt mit „Kommt, lasset uns anbeten“. Nur Chris­tus gebührt Anbetung, dem Kreuz gebührt Verehrung. Warum hat man den Ruf dann nicht mit „Kommt, lasst es uns verehren!“ übersetzt? Wer die lateinische Form verwendet, geht diesem Dilemma aus dem Weg.

Xaver Käser

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