Befiehl du deine Wege
Paul Gerhardt ist uns heute nah und fern zugleich. Nah, weil die Lieder des am 27. Mai 1676 in Lübben gestorbenen lutherischen Dichters und Theologen längst auch bei uns heimisch geworden sind. Sie finden sich in lutherischen, reformierten und katholischen Gesangbüchern gleichermaßen, sein „O Haupt voll Blut und Wunden“ zählt sogar zum Weltkulturerbe. Kann ein Dichter höhere Anerkennung, größere Präsenz erlangen? Doch fern ist er uns auch, seiner Lebensumstände wegen, die überschattet wurden nicht nur vom Dreißigjährigen Krieg und seinen Folgen, sondern auch von persönlichem Leid und den theologischen und innerprotestantischen Auseinandersetzungen seiner Zeit. Was Paul Gerhardt fühlte und glaubte, was er erlitt und erstritt, gehört nicht nur einer anderen Zeit an, es scheint uns heute auch oft wenig nachvollziehbar.
Wie langsam etwa sein Leben – besser gesagt: seine „Karriere“ – verlief! Erst mit 35 Jahren, in der Mitte seines Lebens, trat er seine erste Stelle an – als Hauslehrer und als Aushilfsprediger in der Berliner Nicolaikirche. Es folgten ihr nur wenige andere: in Mittenwalde, wo er mit 44 Jahren sein erstes selbstständiges Amt als Probst übernahm, danach nochmals in Berlin, St. Nicolai, und schließlich in Lübben im Spreewald. Keine war von großer Bedeutung, an keiner blieb er auch allzu lange; volle drei Jahre war Paul Gerhardt sogar ohne Amt, weil er am lutherischen Bekenntnis, der so genannten Konkordienformel festhielt, während der Große Kurfürst, Friedrich Wilhelm I., in Brandenburg den reformierten Glauben favorisierte. War Gerhardt nicht beug- und biegsam genug? Fand er Erfüllung im Privaten?
1655 heiratete Paul Gerhardt; er zählte bereits 48 Jahre, seine Braut Anna Maria war 16 Jahre jünger. Nur dreizehn gemeinsame Jahre waren ihnen beschieden, dann starb seine Frau. Von ihren fünf Kindern war ihm zu diesem Zeitpunkt nur noch ein fünfjähriger Sohn, geblieben, alle anderen waren jeweils schon in frühester Kindheit gestorben. Ihm, Paul Friedrich, hinterließ er in seinem Testament, das er kurz vor seinem Tod im Jahr 1676 aufsetzte, „an irdischen Gütern wenig“, wie er schrieb, dafür aber einen guten Namen und einige bemerkenswerte Lebensregeln: Im Glauben an der reinen Lehre festhalten und Synkretismus meiden; sich in Beruf und Amt nicht rasch erzürnen lassen, sondern darüber schweigen und beten; sich der Begierden und Lüste enthalten; den Menschen Gutes tun, vor allem denen, die es nicht vergelten können; den Geiz fliehen und genügsam sein. Die Summe seines Rates entspricht dem 5. Vers des 37. Psalms: „Befiehl dem Herrn deine Wege / und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen.“ Das kurze Testament gibt so auch Auskunft über das Wesen und das Lebensprogramm des Mannes, der scheinbar so wenig erreichte und doch bis heute so viele Menschen bewegt. In seinen 120 Liedern fand er eine schlichte und zugleich zu Herzen gehende Sprache. Obwohl Paul Gerhardt bereit war, für sein Einstehen in der lutherischen Lehre auch ärgste Nachteile in Kauf zu nehmen, ist der Ton seiner Lieder nicht der einer streitbaren Auseinandersetzung, sondern der Betrachtung. Ihre Nahrung fand diese in älteren Andachtsbüchern, so dass auch über ihn die mittelalterliche Mystik den Menschen neu vermittelt wurde und bis heute wird. Der Liebe zu Gott und zu seinem Wort schien seine Aufgeschlossenheit den Menschen gegenüber entsprochen zu haben; viele Anfragen und Bitten zu Taufpatenschaften zeigen, dass Paul Gerhardt kein dichtender Sonderling war, sondern in der Gemeinde und darüberhinaus geschätzt und verehrt wurde.
Großen Anteil am Erfolg seiner Lieder hatte der Komponist Johann Crüger (1598–1662), der als Kantor an der Nicolaikirche in Berlin wirkte. Er gab 1640 ein Gesangbuch heraus, dessen Neuauflage 1648 bereits achtzehn Texte Gerhardts enthielt, die in dessen ersten Berliner Jahren entstanden. 1653, in der 5. Auflage, waren es schon 81 Lieder. Von hier aus fanden sie ihren Weg in den Gemeindegottesdienst und in die Gesangbücher der Christenheit – auch in das „Gotteslob“: Sieben von ihnen finden sich im Stammteil
- 81 Lobet den Herren alle, die ihn ehren
- 101 Nun ruhen alle Wälder
- 256 Ich steh an deine Krippe hier
- 289 O Haupt voll But und Wunden
- 369 O Herz des Königs aller Welt (nach PG)
- 403 Nun danket all und bringet Ehr
- 418 Befiehl du deine Wege
Letztlich aber überzeugen diese Lieder durch die tiefe Gläubigkeit, die aus ihnen spricht. Es ist das Gottvertrauen eines Menschen, dem kein Elend fremd geblieben ist. Angesichts der schieren Not und des täglichen Todes in damaliger Zeit konnte er sich mit seinem erreichten Alter von fast 70 Jahren einer großen und seltenen Gnade bewusst sein. Einer Zeit, in der sich viele Menschen ihren Glauben aus verschiedenen Zutaten zusammenbrauen; in der es fast zu guten Ton gehört, Schlechtes übereinander zu sprechen, auch um Karriere zu machen; in der die Lust gesucht wird und der Geiz geil ist: Einer solchen Zeit mag ein Mann wie Paul Gerhardt befremdlich erscheinen. Und doch bräuchten wir mehr Glaubenslehrer wie ihn.
Guido Fuchs
