Aus der Redaktion

Segen verpflichtet

Zum Ernte-Segen am ersten Sonntag im Oktober

Ein Buch hat in den letzten Jahren bei seinem Erscheinen für Schlagzeilen gesorgt: Jonathan Safran Foers Buch „Tiere essen“. Christen können der Frage, wie sie es mit dem Essen von Fleisch halten, in dieser Diskussion nicht ausweichen, auch wenn das Neue Testament keine Vorgaben zur Einschränkung der Nahrung gibt. Ja, sie müssen sich sogar fragen lassen, ob nicht vielleicht der allzu sorglose gläubige Umgang auch mit dem Segen über die Ernte, Speise und Trank mit dazu beiträgt, wenn wir uns gegenüber der Schöpfung ins Unrecht setzen.

Am ersten Sonntag im Oktober wird in den meisten Kirchen der Erntedank-Sonntag begangen. Schön geschmückte Altarräume zeigen den Reichtum aus Feldern und Gärten, aus Weinbergen und Wiesen. In der Segnung der Erntegaben wird Gott dafür gepriesen, dass er „den Menschen dazu bestimmt (hat), sich die Erde untertan zu machen, sie zu bebauen und ihren Reichtum recht zu nutzen“ (Benediktionale). Die Formulierung spielt auf den biblischen Schöpfungsbericht an, in dem es heißt, dass sich der Mensch die Erde „unterwerfe“, wie es in der Einheits-Übersetzung lautet (Gen 1,28). Dass dies letztlich nicht Ausbeutung meint, wird schon durch den zweiten Schöpfungsbericht gezeigt, in dem es heißt, dass der Mensch die Erde „bebaue und hüte“ (Gen 2,15). Doch bleiben die biblische Formulierung wie auch die Aussage des Erntesegens missverständlich und gerade in unserer Zeit bedenklich. Ähnlich wird bei der Segnung von Tieren gesagt, dass Gott sie „in die Hand des Menschen gegeben (hat), damit er sie gebrauche“ und ihm dafür danke (Benediktionale 336).


Sprich den Segen – und iss, was du willst?

„Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird“, sagt Paulus (1 Timotheus 4,4). Der „Dank“ meint den Lobspruch, den Segen, den er als Gläubiger in der jüdischen Tradition über die Speisen spricht. Das lässt sich in diesem Zusammenhang auch auf das Fleisch beziehen, um das es zu seiner Zeit unter den Christen Debatten gab: Darf man zum Beispiel Fleisch, das aus heidnischem Götzenopfer stammt, als Christ genießen? An sich kein Problem, meint Paulus, da es für den Christen nur einen Gott gibt. Wer den Lobpreis auf ihn spricht, sich also zu ihm bekennt, kann jedes Fleisch essen (vgl. 1 Kor, 10,25–30).

Das ist eine heikle Aussage, weil man sie verkürzen kann zu: Wer das Tischgebet nicht vergisst, kann Tiere töten und essen, soviel er will. Tatsächlich wird auch seitens mancher Vegetarier dieser Vorwurf erhoben. Das will aber diese Stelle im Timotheusbrief gar nicht suggerieren. Vielmehr bringt das Gebet alles Geschaffene und alle Geschöpfe in eine Beziehung zu Gott, versteht sie als Mitgeschöpfe, damit also auch in einer Beziehung zum Menschen stehend und keineswegs nur als dessen Nutzen oder Produkt.


Segen als Ausdruck der Beziehung

Den bloßen Gebrauch aber suggerieren auch solche genannten Wendungen wie beim Erntedank- oder Tiersegen. Die Pflanzen und Tiere werden nicht in ihrem Eigenwert und ihrer Würde als Schöpfung Gottes gesehen, sondern in ihrem Nutzen für den Menschen. Im ursprünglichen Sinne des Segens als eines Lobpreises Gottes über Menschen, Dinge, Lebewesen oder auch Ereignisse sollte in der Formulierung des Segensgebets auch dieser Aspekt einer besonderen Würde als Geschöpf Gottes zum Ausdruck gebracht werden. Es stellt die Schöpfung in eine Beziehung zu uns, die über den bloßen Nutzen hinausgeht, und ist, wenn man so will, auch ein Moment der Achtsamkeit ihr gegenüber. Der heilige Franz von Assisi brachte dies in seinem Sonnengesang zum Ausdruck, in dem er die ganze Schöpfung als Bruder und Schwester bezeichnete.

Diese Achtsamkeit aber darf sich nicht auf das Gebet beschränken; ein uneingeschränkter Konsum ist auch ein Zeichen der Un-Achtsamkeit gegenüber der Schöpfung, mit der Monokulturen, Massentierhaltung und das damit zusammenhängende immer preiswertere Massenangebot an Lebensmitteln im wahrsten Sinne des Wortes billigend in Kauf genommen wird. Und das erweist wiederum das Gebet und auch den Segen als frommes Alibi. Segen aber verpflichtet – auch zu einem Lebensstil, der dem Wort entspricht.



Segensgebet

Herr, unser Gott, wir danken dir und preisen dich, denn du bist gut.

Du hast unsere Erde mit Leben gefüllt,

zum Lob deiner Herrlichkeit, zur Freude von uns Menschen.

Wir danken dir für das Leben, das du uns gegeben hast,

und die Sorge, mit der uns als guter Vater stets begleitest.

Auch dieses Jahr hast du wieder eine ausreichende Ernte geschenkt;

wir müssen nicht hungern und dürfen uns an den Gaben freuen;

du hast uns gelehrt, die Güter der Erde als Speise und Trank zu genießen.

So bitten wir dich:

Gieße deinen Segen aus über die Früchte der Erde.

Segne auch die Menschen,

durch deren Hände Arbeit uns dieser Reichtum zuteil wird.

Lass uns unsere Nahrung mit Dankbarkeit genießen

und die Schöpfung, die du uns anvertraut hast,

mit Achtsamkeit behandeln.

Schenke uns von deinem Geist der Liebe,

dass wir die Not anderer sehen und zu teilen bereit sind, was wir haben.

Damit die Menschen dich erkennen

und als ihren Vater preisen in Ewigkeit.


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